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Gastbeitrag: Richtig kalt wird’s nur bei Nordwind – 150 Jahre Kanada

29. Juni 2017
Berge

Minus 40 Grad

Wenn du nicht aufpasst, frieren dir beim Zwinkern die oberen mit den unteren Wimpern zusammen. Viele hier versuchen daher, im Winter schneller zu zwinkern als im Sommer. Ich hab’s auch versucht, geht nicht.

Kanada ist ein großes Land. 28-mal so groß wie Deutschland. Hört sich schlimm an, ist es aber nicht. Infrastrukturell durchgestylt ist das Land lediglich im Süden; wir sind wie so ein Speckgürtel an Zivilisation, der sich an die nördliche Grenze der USA anschmiegt. Es gibt natürlich auch Orte abseits vom Schuss – Yellowknife oder Whitehorse oder Dawson City -, das ist dann so wie eine Hallig in der Nordsee: Wenig Leute, wenig WLAN, viel Natur drumherum.

edmonton
Wer mag, paddelt im Kanu durch unsere Provinzhauptstadt Edmonton

Die liebe Sophia, auf deren Blog ich hier als Gastautor bin, schreibt ja viel übers Wandern. Da liegt ja nichts näher als die Frage: Geht wandern eigentlich auch in Kanada?

Wir wohnen in Spruce Grove, Alberta. Drei Stunden sind’s von hier bis zu den Canadian Rockies. Das Tolle in diesem Jahr, dem Jahr der 150-Jahr-Feier: Der Eintritt in sämtlichen kanadischen Nationalparks ist u-m-s-o-n-s-t!

Kanada für Fortgeschrittene

Wenn du schon immer mal den Icefield Parkway entlang wolltest, dann tu es also jetzt! Entlang der Strecke halte nicht dort an, wo dein Reiseführer dir sagt, anzuhalten. Im Gegenteil! Komme nicht nach Kanada, um die Selfies zu machen, die alle anderen machen.

Das Foto mit deinem strahlendsten Lächeln am Ostufer des Lake Luise und dem Victoria Glacier im Hintergrund – sicher sehr hübsch. Aber mit all deinen Sinnen Eins zu werden an einem Ort, den du ganz für dich alleine hast, einem Ort, der dich nach zehn Minuten nicht mehr unterscheiden lässt, ob du deine Empfindungen gerade siehst, schmeckst, hörst, riechst oder als leichten Luftzug auf deiner Haut spürst – das ist Kanada für Fortgeschrittene.

Steve and Bianca_Kanada
Tut einfach gut: The Canadian Rockies
Hund im Schnee_Kanada
Andere gehen Gassi, unser Herald macht Snowpatrol

Es gibt sie wirklich da draußen

Take the road less traveled, heißt es so treffend. Versuche es mal mit Erleichterung, mit Gelassenheit, wenn du am Morgen beim Zuschnüren der Wanderstiefel feststellst, dass dein Handyakku nur noch schlanke 2% Saft hat.

Es gibt sie wirklich da draußen, die Schwarz- und Grizzlybären, die Elche, die Tatankas, die springenden Lachse, die Weißkopf-Seeadler. Am gefährlichsten, man sollte es kaum glauben, sind die Elche. Sie sind unberechenbarer als Bären. Wer einen Elch auf seinem Weg stehen sieht tut das gleiche wie bei einer Begegnung mit einem Bären: sich ohne Hast entfernen.

Was hat es denn nun eigentlich mit diesem Bärenspray auf sich? Braucht man das wirklich?

Erst einmal zum Mosquitospray – denn das braucht man wirklich. Das Zeug aus Europa mitzubringen ist Quatsch. Nordamerikanische Stechmücken lächeln gelangweilt, wenn sie Autan oder ähnliches schnuppern.

Bärenspray hingegen ist eine ernstzunehmende Waffe und wirkt nicht nur bei Bären. Ich selbst habe es noch nie benutzt, habe zumeist keins bei meinen Wanderungen dabei. Ich vertraue eher auf den Geruch meines verschwitzten Shirts und – der beste Abschrecker! – einer gewissen Geräuschkulisse. Bärenglöckchen, Absingen von deutschen Schlagern, die Melodie von Pipi Langstrumpf – solche Sachen. Und sollte tatsächlich mal einer auf dich zugerannt kommen: Leg ihm was Leckeres hin. Wenn du in der Panik nichts parat hast, tut es auch dein Rucksack, deine Mütze, dein Irgendwas. Dann entfernst du dich langsam.

Berge
Acht Zeitzonen hinter Deutschland: Viel Berg, viel Himmel, kein Wlan

Was ist in Kanada anders als in Deutschland?

Gehst du in ein kanadisches Haus, ziehst du dir vorne an der Haustüre deine Straßenschuhe aus. Keiner hat was dagegen, wenn du dir deinen Drink selbst nachschenkst oder dir im Vorbeigehen einen Rundumblick über die Bestände des Kühlschranks verschaffst. Was der Durchschnitts-Kanadier nicht im Blut hat ist die sprichwörtliche deutsche Gemütlichkeit. Selbst das Wort wurde irgendwann ins Englische übernommen – ohne den Umlaut, versteht sich.

Das Feierabend-Bierchen wird gerne in der offenstehenden Garage getrunken. Nur im Notfall werden die Autos der Familie tatsächlich in der Garage geparkt, viel lieber auf der Auffahrt davor. So bleibt drinnen Platz für Campingstühle, Klapptisch, Kühlschrank fürs Bier. Du bist nah bei deinen Spielzeugen – Werkzeugbank, Quad, Boot, Rasenmäher, Pickup-Truck –, kannst rauchen, Musik hören, kannst das alte, ölverschmierte T-Shirt tragen. Du bleibst auf dem Laufenden, was in der Nachbarschaft passiert und hast freie Sicht auf die gegenüberliegende Straßenseite. Wenn sich im Laufe der Jahre zuviel Gerümpel in deiner Garage ansammelt, dann meldest du online bei der Stadt einen Garage-Sale an und bekommst mit etwas Glück noch fünf Dollar für die alte, eingestaubte Kaffeemaschine, die seit ewig in der Ecke steht. Brauchst du noch nicht mal versteuern. Cool, oder?

Heuballen
Alberta, eine von 13 Provinces und Territories. Doppelt so groß wie Deutschland, Einwohnerzahl wie Berlin
Relax in backyard
Neubau mit Garten für Durchschnittsfamilie ab 230T€, Anzahlung ab 10%

 

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Steve

Wenn Steve Voelker die alte Heimat besucht, ist fast immer ein Abstecher nach Berlin mit dabei. Denn da kommt er her, und irgendwie ist er immer Berliner geblieben. Großgeworden in Ostholstein, Wirtschaftsstudium in Hamburg, Selbständigkeit im Harz und ganz nebenbei auch noch die Frau fürs Leben kennengelernt. Als die beiden gemeinsamen Kinder noch nicht wissen konnten, was da auf sie zukommt, haben sie sich nach Kanada aufgemacht und leben seither in Spruce Grove, Alberta.
Den Blog "Dein Nordamerika", zu finden unter www.haveagoodone.blog, hat Steve seit Anfang des Jahres. Er ist viel in den USA und Kanada unterwegs und ständig auf der Suche nach diesen vielen kleinen Alltags-Geschichten, die dir in die Hände fallen, wenn du Augen und Ohren offenhälst. Wer nicht lesen mag, guckt einfach nur die Fotos.
  1. Hey Sophia,
    schönes Land, schöner Text. Ich liebe Kanada. War vor ein paar Jahren im Yukon. Im Winter. War der schönste Urlaub meines Lebens mit den schönsten Erinnerungen. Die Menschen dort sind einfach super und die Landschaft zum drin verlieren. Wirst Du noch einmal dorthin reisen?
    Liebe Grüße
    Jule

    1. Hey Jule,

      das Kompliment gebe ich gerne an den Gastautor weiter. Ich war leider noch nie in Kanada, aber ich wünsche es mir sehr, einmal dort hinzufahren!

      Viele Grüße
      Sophia

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