Skyline

Gastbeitrag – Richtig kalt wird’s nur bei Nordwind – 150 Jahre Kanada

Minus 40 Grad. Wenn du nicht aufpasst, frieren dir beim Zwinkern die oberen mit den unteren Wimpern zusammen. Viele hier versuchen daher, im Winter schneller zu zwinkern als im Sommer. Ich hab’s auch versucht, geht nicht. Kanada ist ein großes Land. 28-mal so groß wie Deutschland. Hört sich schlimm an, ist es aber nicht. Infrastrukturell durchgestylt ist das Land lediglich im Süden; wir sind wie so ein Speckgürtel an Zivilisation, der sich an die nördliche Grenze der USA anschmiegt. Es gibt natürlich auch Orte abseits vom Schuss – Yellowknife oder Whitehorse oder Dawson City -, das ist dann so wie eine Hallig in der Nordsee: Wenig Leute, wenig WLAN, viel Natur drumherum.

Die liebe Sophia, auf deren Blog ich hier als Gastautor bin, schreibt ja viel übers Wandern. Da liegt ja nichts näher als die Frage: Geht wandern eigentlich auch in Kanada?

Wiese_Hund_Fuß

Wir wohnen in Spruce Grove, Alberta. Drei Stunden sind’s von hier bis zu den Canadian Rockies. Das Tolle in diesem Jahr, dem Jahr der 150-Jahr-Feier: Der Eintritt in sämtlichen kanadischen Nationalparks ist u-m-s-o-n-s-t!

Wenn du schon immer mal den Icefield Parkway entlang wolltest, dann tu es also jetzt! Entlang der Strecke halte nicht dort an, wo dein Reiseführer dir sagt, anzuhalten. Im Gegenteil! Komme nicht nach Kanada, um die Selfies zu machen, die alle anderen machen. Das Foto mit deinem strahlendsten Lächeln am Ostufer des Lake Luise und dem Victoria Glacier im Hintergrund – sicher sehr hübsch. Aber mit all deinen Sinnen Eins zu werden an einem Ort, den du ganz für dich alleine hast, einem Ort, der dich nach zehn Minuten nicht mehr unterscheiden lässt, ob du deine Empfindungen gerade siehst, schmeckst, hörst, riechst oder als leichten Luftzug auf deiner Haut spürst – das ist Kanada für Fortgeschrittene.

Take the road less traveled, heißt es so treffend. Versuche es mal mit Erleichterung, mit Gelassenheit, wenn du am Morgen beim Zuschnüren der Wanderstiefel feststellst, dass dein Handyakku nur noch schlanke 2% Saft hat.

Es gibt sie wirklich da draußen, die Schwarz- und Grizzlybären, die Elche, die Tatankas, die springenden Lachse, die Weißkopf-Seeadler. Am gefährlichsten, man sollte es kaum glauben, sind die Elche. Sie sind unberechenbarer als Bären. Wer einen Elch auf seinem Weg stehen sieht tut das gleiche wie bei einer Begegnung mit einem Bären: sich ohne Hast entfernen.

Aussicht_See

Was hat es denn nun eigentlich mit diesem Bärenspray auf sich? Braucht man das wirklich?

Erst einmal zum Mosquitospray – denn das braucht man wirklich. Das Zeug aus Europa mitzubringen ist Quatsch. Nordamerikanische Stechmücken lächeln gelangweilt, wenn sie Autan oder ähnliches schnuppern.

Bärenspray hingegen ist eine ernstzunehmende Waffe und wirkt nicht nur bei Bären. Ich selbst habe es noch nie benutzt, habe zumeist keins bei meinen Wanderungen dabei. Ich vertraue eher auf den Geruch meines verschwitzten Shirts und – der beste Abschrecker! – einer gewissen Geräuschkulisse. Bärenglöckchen, Absingen von deutschen Schlagern, die Melodie von Pipi Langstrumpf – solche Sachen. Und sollte tatsächlich mal einer auf dich zugerannt kommen: Leg ihm was Leckeres hin. Wenn du in der Panik nichts parat hast, tut es auch dein Rucksack, deine Mütze, dein Irgendwas. Dann entfernst du dich langsam.

Was ist in Kanada anders als in Deutschland? Gehst du in ein kanadisches Haus, ziehst du dir vorne an der Haustüre deine Straßenschuhe aus. Keiner hat was dagegen, wenn du dir deinen Drink selbst nachschenkst oder dir im Vorbeigehen einen Rundumblick über die Bestände des Kühlschranks verschaffst. Was der Durchschnitts-Kanadier nicht im Blut hat ist die sprichwörtliche deutsche Gemütlichkeit. Selbst das Wort wurde irgendwann ins Englische übernommen – ohne den Umlaut, versteht sich.

Potrait

Das Feierabend-Bierchen wird gerne in der offenstehenden Garage getrunken. Nur im Notfall werden die Autos der Familie tatsächlich in der Garage geparkt, viel lieber auf der Auffahrt davor. So bleibt drinnen Platz für Campingstühle, Klapptisch, Kühlschrank fürs Bier. Du bist nah bei deinen Spielzeugen – Werkzeugbank, Quad, Boot, Rasenmäher, Pickup-Truck –, kannst rauchen, Musik hören, kannst das alte, ölverschmierte T-Shirt tragen. Du bleibst auf dem Laufenden, was in der Nachbarschaft passiert und hast freie Sicht auf die gegenüberliegende Straßenseite. Wenn sich im Laufe der Jahre zuviel Gerümpel in deiner Garage ansammelt, dann meldest du online bei der Stadt einen Garage-Sale an und bekommst mit etwas Glück noch fünf Dollar für die alte, eingestaubte Kaffeemaschine, die seit ewig in der Ecke steht. Brauchst du noch nicht mal versteuern. Cool, oder?

Mehr über Nordamerika erfährst du hier: www.haveagoodone.blog.

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